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DER SCHUSS - Leseprobe

„Was genau wirst du tun?“, frag ich vorsichtig.

„Das Video online stellen“, sagt sie. „Auf Magnus‘ Blog. Und ich werde es an ein paar befreundete Blogger schicken, Kollegen von ihm. Außerdem an ausgewählte Zeitungen und Agenturen.“

Ich mach einen Schritt auf sie zu und sag leise: „Wenn du das wirklich tust, bin ich komplett im Arsch.“

Sie macht einen Schritt zurück.

„Was soll das heißen?“

„Vorhin hast du gesagt“, sag ich, „es müsste ja keiner wissen, dass ich dir gezeigt hab, wo der Stick ist. Dabei wär das schon riskant genug gewesen für mich. Aber jetzt haben die uns zusammen gesehen. Und damit ist das Teil da“ – ich deute auf die kleine Beule in ihrer Hosentasche – „meine Lebensversicherung. Aber nur, solange du ihn für dich behältst.“

„Ausgeschlossen.“ Sie schüttelt den Kopf. „Die Öffentlichkeit muss das erfahren. Und zwar rechtzeitig vor der Wahl. Die Leute müssen begreifen, dass Kuschinski nicht der smarte Jungpolitiker ist, für den ihn alle halten, sondern ein gewalttätiger Rassist.“

„Und dann?“, frag ich.

„Und dann?“ Sie guckt, als hätt ich was unglaublich Blödes gefragt. „Dann haben wir ihm die Maske vom Gesicht gerissen. Wir müssen beweisen, dass die DAP keine Partei von besorgten Bürgern aus der Mitte der Gesellschaft ist, sondern ein Haufen von gefährlichen Rechtsextremisten, zumindest in Teilen.“

„Ach. Denkst du etwa, die Leute würden dann die DAP nicht wählen? Mann, sie wählen sie doch gerade deshalb: eben weil es Rassisten sind. Vielleicht kriegst du Fred auf die Art dran, vielleicht muss er sogar in den Knast, keine Ahnung. Aber die Partei machst du damit nur stärker. Es gibt eben viele, die genau da drauf abfahren – dass Fred sich Sachen traut, die sie sich heimlich wünschen. Die fühlen sich von der Gesellschaft total gefickt und wollen das endlich mal zurückzahlen. Hast du ‘ne Ahnung, wie viele bei uns im Block sich damals heimlich gefreut haben, als es in der Moschee gebrannt hat?“

„Du meinst … weil endlich mal was passiert ist?“

„Genau.“

Henry verschränkt die Arme vor der Brust, legt den Kopf schräg und meint: „Ziemlich ausgefeilte Analyse für einen, der sagt, er würde sich null für Politik interessieren.“

Für einen Moment stehen wir uns stumm gegenüber. Ich kann mein Spiegelbild in ihren Augen sehen. Zwei Spiegelbilder eigentlich. Was geschieht als Nächstes? Pack ich sie, winde mit Gewalt den Stick aus ihrer Hosentasche und verschwinde, bring das Teil zu Schädel und bin aus der Nummer raus? Ich wink ab und setz mich auf ihren Schreibtischstuhl.

„Außerdem“, sag ich schließlich, „ist doch der Mord an Emil und der Beinahe-Mord an Mahlmann viel krasser als der Anschlag auf die Moschee. Dein Chef muss verdammt noch mal endlich die Augen aufmachen und der Polizei alles erzählen, dann bist du am Ziel. Also zumindest, wenn es wirklich Schädel und Nikolaj waren.“

Henry wuschelt sich mit den Händen durch die Haare, seufzt, lässt sich in einem Korbsessel nieder und meint: „Ja, das geht mir natürlich auch im Kopf rum. Aber was machen wir, wenn Magnus … also wenn er einfach nicht mehr aufwacht?“ Sie schluckt. „Und selbst wenn – dann würde es diesen beiden Männern an den Kragen gehen, aber Kuschinski nicht. Er würde doch niemals zugeben, dass er davon gewusst oder, wer weiß, sogar den Auftrag gegeben hat. Und die zwei würden garantiert den Mund halten.“

„Vielleicht hat Fred ja wirklich nichts damit zu tun“, sag ich. „Und außerdem – kannst du mit Sicherheit sagen, dass es nicht am Ende doch Hakan gewesen ist, wie die Polizei glaubt?“

„Nee, ich nicht“, brummt sie. „Aber du. Du weißt irgend etwas, was Kuschinskis Leute belasten würde, wenn du vor Gericht aussagen würdest. Was du natürlich nicht tun wirst.“

Der letzte Satz hat eiskalt geklungen. Klar hat sie recht, ich würd nichts aussagen. Ich weiß ja auch gar nichts. Alles, was ich sagen könnte, wär, dass ich Schädel und Nikolaj gesehen hab, wie sie auf der Suche nach dem Typen waren. Falls ich ihn überhaupt richtig erwischt hab, hat Schädel gesagt. Okay, das spricht schon stark dafür, dass sie es waren. Aber Henrys Worte ärgern mich trotzdem. Oder deswegen.

„Die ganze Scheiße geht mich überhaupt nichts an“, schimpf ich los. „Hätte sich dein toller Magnus nicht irgendeinen anderen Platz zum Abkacken aussuchen können als ausgerechnet den Spielplatz, wo ich grad saß? Dann könnt ich jetzt in Ruhe zu Hause abhängen und Musik hören oder was. Ich hätt nie diesen fucking Stick in die Finger gekriegt. Und dir wär ich auch nie begegnet.“

„Was schade wäre“, sagt sie spontan. Und schiebt schnell nach: „Ich meine natürlich … weil ich dann überhaupt keinen Anhaltspunkt hätte, was geschehen ist.“

Jetzt hat sie mich rausgebracht. Ich wollte eigentlich noch was anderes sagen, hab’s aber vergessen. Stattdessen wiederhol ich einfach: „Es geht mich nichts an. Und ich schnall auch nicht, was es dich angeht.“

Da steht sie auf und kommt auf mich zu, beugt sich über den Laptop und öffnet eine PDF-Datei. Sieht aus wie eine Reihe Screenshots von ihrem Facebook-Account.

„Ich zeig dir, was mich das angeht“, sagt sie und scrollt runter.

Sie hat einen Zeitungsbericht über Fred verlinkt und dazu geschrieben:

 

Kuschinskis Hetze gegen Geflüchtete ist nur noch widerlich. Soll dieser Mensch wirklich in den Bundestag einziehen?

 

Der Post hat über dreihundert Likes und fast hundert Kommentare.

„Lies“, befiehlt sie mir.

Ich les.

 

"In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit. Wenn dir das nicht passt, schwimm doch zurück nach Afrika."

 

"Halt’s Maul, Negerschlampe, und geh Baumwolle pflücken."

 

"So eine Willkommenskultur-Faschistin wie du sollte mal von einem arabischen Sexmob ordentlich rangenommen werden. Davon träumst du doch in Wahrheit, oder? Du bist doch nur frustriert, weil es unsere moslemischen Neubürger auf blonde deutsche Frauen abgesehen haben und nicht auf ein schwarzes Dreckstück wie dich. Aber dir kann geholfen werden. Vielleicht komm ich ja selber mal vorbei. Also wenn du demnächst abends allein rausgehst, dreh dich lieber mal um, wer dir folgt."

 



Das geht ewig so weiter. Ich hör auf zu lesen, der erste Eindruck reicht mir.

„Ich hab sie alle angezeigt“, sagt Henry. „Die meisten schreiben doch wahrhaftig unter ihrem Klarnamen. Die Polizei hat aber nur gegen den einen da ermittelt, der mir angedroht hat, mich zu vergewaltigen. Ich hatte mir vorgestellt, das wär irgendein räudiger, glatzköpfiger Nazi, der den ganzen Tag einsam mit einem Kasten Bier neben sich vor dem Computer hockt. Aber es ist ein ganz normaler Typ: Familienvater, IT-Branche, geht am Wochenende mit seinen Kindern zum Hockey. Der ist aus allen Wolken gefallen, als die Polizei bei ihm klingelte. Hat wohl nicht damit gerechnet, dass es jemals Konsequenzen haben könnte, was er auf Facebook schreibt. Hat mir einen langen Brief geschickt, sich tausendmal entschuldigt, es wäre eine Kurzschlussreaktion von ihm gewesen und außerdem wäre das als Satire gemeint, und er hätte ja gedacht, ich wäre bloß ein Fake-Profil, denn er würde doch niemals einer jungen Frau ernsthaft drohen wollen, es täte ihm unendlich leid, blabla. Hat eine fette Summe an die Flüchtlingshilfe gespendet und das Verfahren wurde eingestellt.“

Sie klickt das Bild weg und setzt sich wieder in den Sessel.

„Ja“, sagt sie, „du hast natürlich völlig recht. Man kann keinen davon abbringen, die DAP zu wählen, indem man sie als rassistisch entlarvt. Aber gerade deswegen müssen wir kämpfen. Dafür, dass die Gesellschaft nicht noch weiter verroht. Mir kommt das manchmal vor, als gäbe es einen kollektiven Burn-out. Solchen Leuten ist die Welt einfach zu stressig und zu unübersichtlich geworden. Kriege, Krisen, Klimawandel, dauernd dieser Druck zur Selbstoptimierung. Globalisierung, Neoliberalismus – das ist wie ein riesiger Stresstest für die ganze Welt. Immer mehr Menschen kommen nicht klar und drehen durch. Längst nicht nur die sogenannten Abgehängten, sondern aus allen Schichten. Das Internet ist ihr Ventil, um rauszulassen, was sich da aufgestaut. Und die DAP ist es, die das Ventil geöffnet hat. Aber wir können doch nicht einfach in Deckung gehen. Wir müssen aufrecht stehen und kämpfen. Dagegen halten. Haltung zeigen.“

Sie guckt mich an, sucht in meinem Gesicht nach einer Reaktion. Aber da findet sie nix.

Ich räusper mich und sag: „Ich hab nicht alles verstanden von deiner klugen Rede. Aber das mit dem Stress und mit dem Druck. Ich hab nämlich auch keinen Bock auf Stress und Druck. Deshalb bin ich auch kein Kämpfer. Ich will nicht aufrecht stehen, okay? Ich will nur meine Ruhe.“

Wieder verschränkt sie die Arme, guckt mich scharf an und sagt: „Du erwartest von mir, dass der Stick mit dem Film in einer Schublade verschwindet? Oder noch besser im Mülleimer? Vergiss es.“

Stille.

Was soll ich sagen? Soll ich vor der Frau auf die Knie fallen und sie anbetteln? Dass sie mein Leben rettet oder was? Oder einfach abhauen, per Anhalter irgendwohin in eine andere Stadt, ein anderes Land? Oder …

„Auf dem Film vorhin“, sag ich, „da war doch kurz die Rede von noch einem anderen Typen. Nikolaj hat gefragt, was aus dem Alten wird. Und Fred sagte, die sollen den liegen lassen.“

„Ja, ist mir auch aufgefallen. Und ich glaub, ich kann das erklären. Es soll nämlich damals einen Zeugen gegeben haben, einen alten Mann aus eurem Block, der zufällig da reingeraten ist. Sie haben ihn niedergeschlagen. Offenbar hat er noch in der Nacht im Krankenhaus eine Aussage gemacht. Aber am nächsten Tag hat er sie widerrufen und behauptet, das sei alles ein Missverständnis, er wüsste von nichts. Worauf willst du hinaus?“

„Auf einen Plan B“, sag ich und fühl mich plötzlich gut. Ich fühl mich so, wie wenn mir bei meiner Skulptur eine neue, total abgefahrene Figur aus den Fingern fließt, ohne dass ich das vorher geplant hab. „Vielleicht gibt‘s ja einen anderen Weg, um zu beweisen, wer hinter dem Anschlag auf die Moschee gesteckt hat. Vielleicht brauchst du das Video gar nicht. Du hast es jetzt, und damit weißt du, was du vorher bloß geahnt hast. Aber um es auch wirklich zu beweisen, wäre ein Zeuge doch sicher viel wichtiger als ein verwackelter Handyfilm, wo man keine Gesichter sieht und nur mit Mühe die Stimmen erkennt.“

Henry zieht die Augenbrauen hoch. Dann schaut sie auf ihr Handy und sagt: „Halb zwei. Ich muss los. Ins Krankenhaus, ich treffe mich mit Magnus‘ Frau.“ Sie steht auf und klappt ihr Notebook zu. „Okay, hier ist mein Angebot: Der Stick bleibt erst mal unter Verschluss. Damit du ruhig schlafen kannst, Robin. Morgen treffen wir uns um zehn in Magnus‘ Büro und arbeiten deinen Plan B aus. Mal sehen, vielleicht geht da ja wirklich was.“

Sie wirft mir meine Jacke zu.

„Was?“, frag ich. „Wir? Ich glaub, du hast da was missverstanden.“

„Du hängst mit drin.“ Sie grinst. „Denkst du, ich rette deinen Arsch, während du irgendwo faul rumgammelst? Außerdem haben wir nur wenig Zeit. Am Sonntag ist die Bundestagswahl. Heute ist Dienstag. Ich gebe uns bis Freitag. Wenn wir bis dahin keinen Plan B haben oder wenn der nicht funktioniert, dann lade ich das Video hoch und schicke es an die Presse. Klar soweit?“

Sie hält mir die Zimmertür auf. Anscheinend sind wir fertig.

„Absolut“, sag ich.

Wir gehen die schmale Treppe runter, die unter unseren Schritten knarzt. Das kleine Haus muss steinalt sein. Die Wände hängen voll mit Bildern, auf jedem Bord oder Schrank und in jeder Ecke steht irgendwas, was eigentlich nicht zusammenpasst. Ein seltsamer Speer, vielleicht aus Afrika. Eine riesige Blumenvase, wo zwei blaue Drachen draufgemalt sind und aus der Bambusrohre ragen. Neben der Tür hängen eine Kuckucksuhr und so eine Heiligenfigur im blauen Mantel. Mutter mit Baby. Maria oder Eva oder was, das konnte ich mir noch nie merken. Jedenfalls, die Mutter guckt das Baby richtig zärtlich an, aber das Baby guckt ganz ernst in die Ferne. Vielleicht ahnt der Kleine, dass sein Leben beschissen wird und seine Mutter eh nichts für ihn tun kann. Ich zieh mir die Schuhe an. Aus dem Zeug hier könnte man eine echt gute Skulptur bauen.

Henry streckt mir ihre Hand entgegen, zögert, zieht sie wieder ein, dann drückt sie mich ganz kurz.

„Danke“, sagt sie.

„Wofür?“

„Für das Abenteuer. Nein, im Ernst: Danke, dass du zu mir gekommen bist. Mit mir den Stick gesucht hast. Mir den Weg aus dem Block gezeigt hast. Und … dass du kein einziges Mal gefragt hast, wo ich denn ursprünglich herkomme.“

„Hä?“

„Wenn ich neue Leute kennenlernen, fragen sie mich das früher oder später. Wirklich jeder. Du nicht.“

„Was hättest du geantwortet?“

„Castrop-Rauxel.“