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Making of "Das Heldenprojekt"

Ich war fünfzehn und pubertierte gerade schön vor mich hin, als plötzlich die Mauer fiel. Unter den Trümmern krochen ein paar Nazis hervor und machten Rabatz. Gegen das, was wir heute an Rechtsextremismus erleben, war das damals erst noch harmlos, aber uns, die wir wohlbehütet in Helmut Kohls Kuschelrepublik aufgewachsen waren, schockierte es schon, dass plötzlich Parteien wie die „Republikaner“ ungeniert ihre Plakate ankleben durften.

Manches dieser Plakate fiel uns spät abends zum Opfer und immer wieder dachten wir: „Das ist doch destruktiv, wir müssten mal was kreatives machen.“ Plakatideen hatten wir und die nötige Infrastruktur auch, denn über die KJG, einen ziemlich großen und politisch aktiven Jugendverband, hätten wir einiges reißen können. Aber es kam nie dazu. Wir hatten irgendwie immer was anderes zu tun.  Schade.

Also musste ich meine Ideen beim Schreiben ausleben. Und ein paar Jahre später, während meiner Knechtschaft im Seniorenzentrum Leverkusen (im Volksmund: „Zivildienst“), schrieb ich einen Roman mit dem Titel „Das Subway-Rebellion-Project“. Ein gewisser Sebastian Forster mit seinen Freunden Frank (heute: Magnus), Heike (entfallen) und Nicole (heute: Marie) klebte nachts lustige Poster auf Plakate einer rechtsextremen Partei und geriet in haarsträubende Abenteuer mit tragischem Ausgang. Die Story zog sich zeitlich über eineinhalb Jahre und auch von der Handlung her ein bisschen wie Kaugummi. Sie war in der dritten Person erzählt und schilderte immer abwechselnd den Werdegang des Projekts und die Karriere eines gewissen Arno in der Jugendorganisation der rechtsradikalen Partei. Dabei habe ich endlose Diskussionen im Projekt und nervtötende Parteiversammlungen über etliche Seiten ausgewalzt, bis sich das Ganze vermutlich eher wie ein Bündel von Sitzungsprotokollen las als wie ein Roman. Deshalb fand sich auch nirgends ein Verlag. Also blieb die Geschichte in meiner Schublade und in meinem Kopf, bis zehn Jahre später die Zeit endlich reif war.

Das Subway-Rebellion-Project entstand völlig neu. Ich nahm Sebi ein bisschen den Druck, die Hauptfigur zu sein, denn an seinem Schicksal, das von Anfang an besiegelt war, trug er schon schwer genug. An die Stelle von Frank, einem eher passivem und distanzierten Zeitgenossen, trat ganz neu der Ich-Erzähler Magnus. Nur Nicole, umgetauft auf Marie, konnte sich konsequent durchsetzen und die neue Combo genau so durcheinander wirbeln wie die alte in meinem „Ur-Manuskript“.

 

Ich werde oft gefragt, wie viel am Heldenprojekt eigentlich autobiographisch sei. Ich finde ja: nicht so viel. Mein bester Freund Stephan allerdings ist völlig anderer Meinung. Er beklagte sich bitter, dass ich einfach ohne zu fragen unsere gemeinsame Jugend zu Papier gebracht hätte und – na ja – das Ende hat ihn auch nicht besonders amüsiert.

 

Wie realistisch ist das Heldenprojekt?

 

Hier habe ich ziemlich interessante (Presse-)Reaktionen festgestellt. Während im Westen der Republik die Leute eher Zweifel haben, ob Jugendliche überhaupt noch „politisch“ sind, scheint es in den östlichen Bundesländern eher als naiv zu gelten, wenn Jugendliche sich mit anti-rechten Aktivitäten deutlich in der Öffentlichkeit zu Wort melden.

 

Als ich das Heldenprojekt geschrieben habe, ging es mir eigentlich nicht um das Thema Rechtsextremismus. Ich wollte in der Tat der Frage nachgehen, ob man als junger Mensch heute politisch „was reißen kann“ und zwar außerhalb von Strukturen wie Parlamenten, Gremien und Verwaltungen. Die Rechtsradikalen sollten mir dabei nur als Spiegelbild dienen, weiter nichts. Ich hätte genau so gut ein anderes Thema wie Umweltpolitik oder Globalisierung nehmen können. Inzwischen ist mir aber, auch durch viele Reaktionen auf das Buch, doch einiges klar geworden: Es gibt einen rechtsextremen Mainstream, der langsam versucht, in verschiedene Jugendkulturen einzudringen. Und es wird vermutlich eine Aufgabe der jungen Generation sein, sich dem zu widersetzen.