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Leseprobe aus STADT DER WÖLFE



Dann explodierte die Luft in einem galaktischen Knall. Dem Knall antworteten tausend weitere, als seien es nicht Wolken, sondern imperiale Sternenzerstörer, die da oben aufeinanderprallten, ineinanderstürzten, auseinanderbarsten; die Blitze schossen wie aus Laserkanonen herab, während krachende Donnerschläge von einem Ende des Himmels zum anderen rollten. Ein Rauschen näherte sich, das zum Brausen wurde und Janek sah eine Regenwand heranziehen; sah schon die Bäche in Kaskaden an den Fassaden der Häuser gegenüber herabstürzen, bevor ihn die prasselnden Wassermassen erreichten und einhüllten und binnen Sekunden bis auf die Unterhose durchtränkten.

 

Er flüchtete zurück unter das Sonnensegel, wo Tassilo vom Sofa gesprungen war und sich mit eingeklemmtem Schweif an seine Beine drückte. Windstöße fuhren unter das Segel, sie trieben den Regen herein und blähten das Tuch, als sei es tatsächlich vor den Hauptmast einer Fregatte bei Kap Horn gespannt und nicht über die Terrasse eines Cafés in der Innenstadt. Die hölzernen Stützen ächzten und knarrten. Janek zog Tassilo am Halsband mit sich weiter zurück, bis sie mit dem Rücken an der Glasfront des Hauses standen. Das war ihr Glück, denn der schwere Holzpfahl, der jetzt krachend und splitternd aus seiner Verankerung brach, fegte genau über die Stelle, an der sie gerade noch gestanden hatten. Der andere Pfahl, auf sich gestellt, gab bei der nächsten Böe ebenfalls nach und der Wind hob das Segel empor, das über ihren Köpfen gegen die Hauswand geschleudert wurde.

 

„Lauf!“, brüllte Janek in das Tosen hinein und rannte los, mitten auf den Platz hinaus.

 

Tassilo sprang durch die Pfützen neben ihm her, sein Fell troff vor Wasser. Schon liefen die Abwasserschächte über, die Fläche verwandelte sich in einen See. Janeks Turnschuhe sogen sich voll. Der Untergrund wurde glitschig, vor allem dort, wo der Boden mit Moos oder Gräsern überwachsen war. Einmal rutschte Janek aus, schlug der Länge nach hin und schmeckte das Wasser im Mund. Tassilo stupste ihn an, er rappelte sich auf. Sie rannten weiter, fort von dem Platz und in eine Einkaufsstraße hinein. Hier blies der Wind noch heftiger, fuhr von den Dächern herab in die Häuserschlucht, kam mal von hinten und dann wieder von vorn. Ohne Orientierung liefen sie weiter auf der Suche nach irgendeinem Unterstand, aber sie fanden keinen. Sie passierten ein Bushäuschen, das keinen Schutz gegen das Unwetter bot. Sie kamen an einem Parkhaus vorbei, aber Janek hütete sich nach dem Erlebnis in der U-Bahn davor, nochmals solch ein dunkles Betongebilde zu betreten. So rannten sie weiter und weiter und etwas daran fühlte sich sogar gut an. Sie erreichten eine Kreuzung, wo der Wind von allen Seiten gleichzeitig zu kommen schien. Er peitschte ihnen den Regen in die Augen und Blütenblätter, kleine Äste und plötzlich einen Fetzen Papier, Janek fing ihn auf und blieb unvermittelt stehen.

 

Dicke schwarze Buchstaben standen darauf, verwaschen aber noch halbwegs lesbar, er kannte sie auswendig: FALLS NOCH JEMAND ÜBRIG IST, MELDE DICH BEI JANEK.

 

Er hielt das Papier hoch und warf es in den Wind. Das Wasser troff aus seinen Haaren und seinen Augenbrauen und er musste es sich aus den Augen wischen wie unter der Dusche. Dann hielt er eine Hand an die Stirn, wie man es sonst nur im hellen Sonnenschein tut. Gegenüber ragte ein großes Werbeplakat empor. Eine lachende blonde Frau im Bikini pries Sonnencreme an und sah aus, als wolle sie ihn verhöhnen. Tassilo bellte. Er wollte weiter, hatte wohl keine Lust, mitten in dem Kampf der Elemente auf einer Kreuzung herumzustehen. Aber Janek überlegte. Diese Kreuzung kannte er. Ja, sie waren ganz in der Nähe der Schule.

 

Er setzte sich wieder in Bewegung und Tassilo lief zufrieden hinterher. Sie bogen in die Straße ein, die zur Schule führte. Etwas zog Janek dorthin, das ihn zugleich gruselte. Es war der Traum von vorhin, es war die Schrift an der Tafel – seine Schrift und die Schlieren darunter. Er musste sie sich noch einmal ansehen. Und außerdem wäre die Schule ein sicherer, trockener Ort, wo sie das Ende des Gewitters abwarten konnten. Schon tauchte das breite offene Tor auf. Sie hechteten hindurch und über den Schulhof, bevor sich Janek atemlos gegen die große Eingangstür warf. Mit letzter Kraft zog er sie auf, ließ Tassilo hindurch schlüpfen und folgte ihm. Die Tür fiel hinter ihnen zu und Janek verschnaufte mit einem tiefen Seufzer. Der Regen prasselte von draußen an die großen Fensterscheiben, das Donnergrollen drang gedämpft herein. Um ihn herum bildete sich ein kleiner See von dem Wasser, das aus seinen Schuhen und seiner Hose lief. Tassilo schüttelte sich so heftig, dass die Tropfen nur so herumflogen. Janek wischte sich abermals die Augen frei, sah sich um und versteinerte.

 

Da waren Fußspuren auf dem Boden! Spuren eines Menschen! Ganz eindeutig nasse, matschige Abdrücke von Schuhen. Sie kamen vom Eingang, wo Janek und Tassilo noch immer standen, führten um die Vitrinen mit den Blechfiguren herum und die Treppe hinauf. Konnten es seine eigenen sein? Aber nein, es hatte gestern nicht geregnet – und selbst wenn, hätten sie längst getrocknet sein müssen. Die hier aber waren frisch. Und kamen nicht zurück. Wer auch immer sie hinterlassen hatte, musste sich noch im Gebäude befinden. Janek konnte keinen Schritt machen, seine Knie waren wie Pudding und beinahe hätte er selbst das Atmen vergessen. Das Blut pochte im Hals, in den Schläfen, in der verletzten Hand, selbst im Magen und er hatte kurz das Gefühl, augenblicklich kotzen zu müssen vor Aufregung, vor Angst, vor Freude, vor Panik. Nein, er konnte jetzt nicht abhauen. Wenn er jetzt nicht herausfand, wer oder was da noch übriggeblieben war außer ihm selbst, würde er es sich vielleicht für immer vorwerfen müssen.

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