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Leseprobe

>Özge

Ich traf sie im Morgengrauen. Das war im Herbst, vor der Studienfahrt, die Autos am Straßenrand waren schon von Reif überzogen und mein Atem dampfte im ersten Licht. Ihr Wohnheim lag nicht weit von meiner Straße entfernt und wir sahen uns manchmal morgens im Bus, aber nicht oft, da sie meistens schon früh unterwegs war, während ich immer erst auf den letzten Drücker zur Schule loskomme. An diesem Morgen kam sie mir entgegen, hatte die Fellkapuze ihres Parkas tief ins Gesicht gezogen, und ich erkannte sie erst, als wir schon aneinander vorübergingen.

„Hey“, sagte ich, „hallo.“

Sie ging weiter.

„Precious?“

Da blieb sie stehen, drehte sich zögerlich um und sah mich an, als hätte ich sie bei etwas ertappt.

„Guten Morgen“, sagte ich, „hey, gehst du nicht in die falsche Richtung?“

„Nein.“

„Aber der Bus fährt dort drüben ab.“

„Ich weiß“, antwortete sie und klang eine Spur verärgert. „Doch es ist Mittwoch. Am Mittwoch muss ich erst zur zweiten Stunde in der Schule sein. Ich gehe vorher nach Hause.“

Etwas daran machte mich stutzig. Und in ihrem müden, leeren Gesicht stand eindeutig der Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden. Aber ich machte einen Schritt auf sie zu.

„Wo kommst du denn her? Jetzt, um diese Uhrzeit?“

„Von meiner Arbeit.“ Sie flüsterte fast. Ich spürte, dass sie mir das eigentlich gar nicht sagen wollte, aber zum Lügen hatte sie vielleicht in dem Moment keine Kraft.

Ich machte noch einen Schritt auf sie zu, bis wir dicht voreinander standen und unsere Atemwolken sich vermischten.

„Du darfst mich nicht verraten“, flüsterte sie, „versprochen?“

„Versprochen“, sagte ich. „Aber was ist denn das für eine Arbeit, die du mitten in der Nacht machen musst?“

„Der Großmarkt. Ich wische die Regale aus. Im Kühllager. Sie bezahlen mich dafür. Niemand darf das wissen, denn die Deutschen erlauben mir keine Arbeit.“

„Du arbeitest schwarz“, stellte ich fest und fand mich im selben Augenblick ganz unglaublich bescheuert, als ich in ihr müdes schwarzes Gesicht blickte.

„Im Großmarkt heiße ich Francine. Francine ist eine Frau aus Burundi. Ich miete ihre Papiere.“

„Mieten?“, entfuhr es mir.

Precious blickte sich erschrocken um, als könne uns jemand belauschen.

„Ist das ein falsches Wort?“

„Nein … doch, es ist … puh. Du mietest also die Papiere einer anderen Frau, damit du dort arbeiten kannst. Das ist doch Ausbeutung. Sie missbrauchen dich, weißt du das?“

Als ob sie das nicht wüsste! Während ich mit ihr sprach, stand ich die ganze Zeit neben mir selbst, wollte mich schütteln und anschreien wegen meiner Selbstgerechtigkeit und konnte trotzdem einfach nicht damit aufhören.

„Wie viel bezahlen sie dir?“

„Fünf Euro“, sagte Precious gequält. Sie wünschte sich sicher nichts sehnlicher, als dass ich das Verhör beendete. „Die Hälfte darf ich behalten.“

„Und die andere Hälfte bekommt diese Francine?“

„Ich weiß nicht. Ich kenne die Frau nicht. Ich kenne nur John. John hat mich in den Job gebracht, John hat die Papiere besorgt. Ich dachte erst, dass niemand mir glaubt. Diese Francine ist viel älter als ich. Aber John hatte recht. Für euch Deutsche sehen alle Afrikaner gleich aus. Dem Chef ist das egal. Ich arbeite sauber und gründlich. Ich spare das Geld. John sagt, dass ich einen Ausweis kaufen kann, wenn ich genug gespart habe.“

„Genug? Wie viel ist genug?“

„Achttausend.“

„Puh …“

„Darf ich jetzt gehen?“

„Oh Precious … ich – es tut mir leid.“

„Was denn?“ Sie sah mich ratlos an. „Was tut dir leid?“

Ich hätte sie gern in den Arm genommen, aber wie sie da stand, die Hände in den tiefen Taschen ihres Parkas vergraben, wäre das wohl nur noch übergriffiger gewesen.

„Alles“, sagte ich leise. „Bitte verzeih.“

„Ja“, antwortete sie nur noch, wandte sich um und ging.

Mein schlechtes Gewissen plagte mich den ganzen Tag und auch den nächsten. Was sie mir verraten hatte, konnte ich einfach nicht vergessen

Zwei Tage nach der Begegnung im Morgengrauen passte ich sie nach der Schule ab.

„Es lässt mir keine Ruhe“, gestand ich ihr. „Du, diese Arbeit, all das. Ich wünschte, ich könnte irgendetwas für dich tun.“

„Kannst du mir achttausend Euro geben?“, fragte sie lapidar.

„Nein, natürlich nicht. Aber vielleicht gibt es andere Möglichkeiten für dich? Perspektiven? Kontakte? Ich kann dich zu den Behörden begleiten, wenn es dir hilft. Ich kann für dich sprechen, mit den Leuten diskutieren.“

Sie machte ein Geräusch, als würde sie ausspucken.

„Auf dem Amt diskutieren sie nicht“, sagte sie. „In Nigeria, wenn du zu einer Administration gehst, dann nimmst du einen Umschlag mit und legst etwas Geld hinein. Und meistens hilft das. Aber in Deutschland hilft kein Geld und kein Diskutieren. Sie tun nur, was das Gesetz befiehlt.“

„Oder du könntest untertauchen“, sagte ich und grinste. Was für eine romantische Vorstellung. „Nicht weit vom Bahnhof gibt es einen Bauwagenplatz. Eine kleine wilde Brachlandschaft, da leben ein paar nette, verrückte Leute. Ich hab mal welche von denen kennengelernt. Und ich weiß, dass dort immer wieder mal Leute ohne Papiere wohnen. Wenn ich du wäre, würde ich dort untertauchen, bevor sie mich abschieben.“

„Und dann? Was soll ich da?“

Gute Frage. Ich begann zu verstehen, dass mein Bezugsrahmen hier nicht galt. Falls ich ihr wirklich helfen wollte, müsste ich versuchen, ihre Logik anzuwenden und nicht meine eigene.

„Wir müssen also Geld auftreiben“, überlegte ich.

„Da ist kein Wir“, erwiderte sie. Es klang wie ein Anglizismus, es erinnerte mich an einen Film, den ich mal im Original gesehen hatte. There is no me and you.

 „Ich hasse dieses System“, schimpfte ich los. „Die Bürokratie! Diese verdammten rassistischen Gesetze hier! Diese Doppelmoral! All diese Gesetze gelten doch nur für Leute, die kein Geld haben. Die es sich nicht leisten können, sich darüber zu erheben. Mit Geld kannst du alles kaufen, da brauchst du dich um Gesetze nicht zu scheren. Vielleicht nicht wie bei dir in Nigeria, wo du ein paar Dollar in einen Umschlag legst. Da geht es um ganz andere Dimensionen.“ Ich dachte an die Clique der reichen Jungs in unserer Stufe. Laurenz und die anderen. Constantin. „Manche hier platzen fast vor Kohle. Das sind Leute, für die wären achttausend Euro ein Trinkgeld.“

„Trinkgeld? Was meint das?“, fragte Precious.

Tip heißt das auf Englisch, glaube ich.

„Nein“, sagte sie.

„Nicht?“

„Doch, das Wort Tip kenne ich. Aber achttausend ist kein Tip.“

„Ha!“, machte ich. „Man müsste die Typen einfach mal ganz dreist fragen. Das würde mich echt interessieren, wie sie darauf reagieren.“

In ihren Augen flammte etwas auf.

„Wirklich?“

Ich lachte hohl und meinte: „Vermutlich könnte man selbst jemanden wie Constantin aus der Reserve locken, wenn man sich einfach mal vor ihn hinstellt und sagt: ‚Hey, Conni, wir brauchen achttausend Euro für einen guten Zweck. Kannst du das bei deinen Kumpels für uns klarmachen?‘ Ich meine – er ist ein Zocker, für den wär das so was wie ein Spiel.“

Ich sah ihn plötzlich vor mir. Hey, Mann, hatte ich damals nach der Stufenparty zu ihm gesagt, ich hab nie zuvor einen reichen Jungen geküsst. Hast du jetzt auch nicht, hatte er gegrinst, ich häng bloß mit den reichen Typen rum. Aber ich bin nicht reich. Noch nicht. Irgendwann bin ich reicher als die alle zusammen.

„Constantin“, wiederholte sie leise, und hinter ihrer Stirn arbeitete es.

„Oh, warte“, rief ich aus, „das war doch nur ein blöder Gedanke von mir. Kein ernst gemeinter Vorschlag.“

„Wieso blöd? Du sagtest doch, du willst mir helfen.“

Sie wandte sich zum Gehen.

„Will ich ja auch. Jetzt warte doch, warte mal, wir ...“

„Es ist alles okay“, sagte sie und ließ mich stehen.

„Warte …“

„Ich muss jetzt wirklich gehen.“

Da ist kein du und ich.

Wirklich nicht. Aber ich Ignorantin wollte es ja nicht wahrhaben. Ich war randvoll von Idealismus, Tatendrang, ja, ich wollte was tun. Eine Demo, na klar. Wozu war ich Schulsprecherin? Es sollte doch kein Problem sein, zweihundert, dreihundert Leute vors Rathaus zu kriegen. Ich sah schon die Transparente: Bleiberecht für Precious! Das war doch das, was ich kann: Kampagnen starten, Aktionen umsetzen. Ich quatschte ein paar Leute aus der Stufe an, die sofort Feuer und Flamme waren. Ich erzählte es meinem Schulsprecherkollegen Bjarne, der die Idee super fand. Ich traf mich mit einem von der Antifa, der sich mit so was auskannte, ich informierte mich bei der Polizei, wie das mit dem Anmelden einer Demo überhaupt funktioniert. Ich sprach mit Muriel, die doch, soweit ich das sah, noch am ehesten von uns allen mit Precious im Kontakt war. Doch die ließ mich komplett auflaufen.

„Willst du Precious auf irgendeine Bühne zerren?“, fragte sie schroff. „Warum machst du ihr nicht einen Ring durch die Nase und führst sie daran durch eine Zirkusmanege?“

Ich hätte Muriel ohrfeigen können. Sie spielte sich auf, als hätte sie irgendwelche Exklusivrechte an Precious. Eigentlich sollte ich sie ohne ein weiteres Wort stehen lassen, aber das half ja nichts.

„Ich habe das doch richtig verstanden“, sagte ich geduldig, „dass Precious am Jahresende achtzehn wird. Und dass sie dann abgeschoben werden soll. Richtig?“

„So habe ich das auch verstanden“, nickte Muriel.

„Aber gegen so einen Skandal muss man doch angehen“, beharrte ich.

„Dann mach das“, sagte Muriel. „Aber benutze Precious nicht, um dich selbst zu profilieren. Hast du sie überhaupt schon gefragt, ob sie damit einverstanden wäre?“

Nein, hatte ich nicht. Ich nahm mir vor, sie auf der Studienfahrt in einer ruhigen Minute anzusprechen. Aber dazu kam es dann ja nicht mehr.



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