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Aus Kapitel #05: Phantome

Jessis Eltern hielten mich für einen anständigen Jungen, was immer das auch bedeuten mochte; jedenfalls hatte Herr Manderscheidt das zu mir gesagt, als ich, gleich am Samstag nach der Fete von Neumeier, abends zum Grillen auf ihrer kleinen Reihenhausterrasse eingeladen worden war. „Na, dich kenne ich doch“, hatte er gesagt. „Hast du nicht beim Krippenspiel in der fünften Klasse den König Herodes gespielt?“ Hatte ich. Dass das auf Anstand schließen ließ, war mir neu. Er legte mir die Hand auf die Schulter und meinte: „Du bist ganz sicher ein anständiger Junge. Sag Klaus zu mir.“

Ich weiß nicht, ob es zu Klaus Manderscheidts Begriff von Anstand passte, dass seine Tochter mir, als wir anschließend allein auf ihrem Zimmer waren, mir einen Klecks Nutella auf die Oberlippe schmierte, bevor sie sich auf mich warf, um mich zu küssen. Und dabei übermütig rief: „Wenn wir uns ein bisschen besser kennen, mache ich dasselbe mit deinen Geschlechtsteilen!“, und ihr helles, schellendes Lachen lachte.

 


 Ich glaube, sie meinte das nicht ernst. Es war alles wie ein Spiel, eher eine Neckerei. Ich war hingerissen von ihrer unbekümmerten Art, auf mich loszugehen, ein bisschen kam ich mir vor wie ein Spielzeug, das sie neu erworben hatte und nun in allen denkbaren Varianten ausprobieren wollte. Wir lachten viel und kitzelten uns ständig gegenseitig und vermieden es dabei doch, bestimmte Wäschestücke auszuziehen und bestimmte Körperstellen anders als bloß aus Zufall (oder was wie Zufall aussah) zu berühren. Und wenn ich manchmal mehr wollte, schob sie, als wäre auch das ein Spiel, sanft meine Hand fort und lachte dabei ihr Lachen, das so war, wie früher der Urlaub in den Bergen – nett. Und nur selten konnte ich dabei meine Gedanken unterdrücken, die sich fragten, ob Merles Haut sich wohl auch so anfühlen mochte oder vielleicht doch ganz anders, und wie es wäre, sie zu küssen und nicht Jessi. Und ob sie vielleicht gerade in diesem Augenblick mit Lars so was Ähnliches tat wie wir hier.

 

So verbrachten wir unsere Nachmittage in diesem Juni, wenigstens zwei oder dreimal in der Woche, denn Jessi hatte nicht viele Freunde und nicht viele Interessen außer der Schule, ihrem Fagott und ein paar ausgewählten Fernsehserien.

 

Das Fagott aber reichte schon, um meine Eltern zu begeistern. Sie waren zwar Gottseidank nicht so peinlich, was von Anstand zu faseln, aber auch nicht cool genug, Jessi ebenfalls das Du anzubieten. Vor allem waren sie wohl froh, dass ich mal ein Mädchen mit nach Hause brachte, womit sie meinten: ein anderes Mädchen als Merle. So eine Freundschaft wie zwischen Merle und mir, war in ihrem Weltbild nicht vorgesehen. Vorgesehen vielmehr war eine Gegeneinladung, sprich: Vierzehn Tage später holte mein Vater seinerseits unseren alten Grill aus der Garage, denn das gehörte sich so.

 

 

Ganz sicher hatte ich auf tausend Dinge mehr Lust, als an diesem Samstagabend mit Jessi und meinen Eltern und meiner Oma Frieda (!) um den großen runden Gartentisch zu sitzen. Ja, sie hatten wahrhaftig meine Großmutter dazu geholt, als stünde meine Verlobung mit Jessi unmittelbar bevor. Ähnlich feierlich ging es jedenfalls zu – hatten wir eine Woche zuvor bei Flaschenbier und Fladenbrot unsere Würstchen verzehrt, während nebenher das DFB-Pokalfinale lief (Nürnberg – Stuttgart 3:2 nach Verlängerung), bot mein Vater nun Fisch, Garnelen und diverse Fleischsorten dar, mit Rosmarin und Thymian und so weiter perfekt abgestimmt, während meine Mutter nicht minder perfekt den Tisch gerichtet hatte mit verschiedenen Gedecken und Stoffservietten in silbernen Ringen und drei verschiedenen Gläsern pro Person: „Jessi, trinken Sie denn schon Wein?“

 

Ihr, also Jessi, schien das aber zu gefallen. Sie ließ sich auch bereitwillig von meinen Eltern nach allem und jenem ausfragen, das kam ihrer Lust am Reden entgegen.

 

„Und Latein“, fragte mein Vater zum Beispiel, „haben Sie schon einmal überlegt, Latein als Leistungskurs zu wählen?“

 

„Vorsicht“, warf ich ein, „er war Lateinlehrer.“

 

„Latein ist eine wichtige Grundlage“, antwortete Jessi höflich, „aber die lebenden Sprachen interessieren mich mehr, weil ich gerne reise und neue Leute kennenlerne.“

 

Sie klang, als säße sie in einem Bewerbungsgespräch. Meine Eltern tauschten zufriedene Blicke, ich runzelte die Stirn und sah auf meine Uhr. Jessis Vater, also Klaus, wollte sie spätestens gegen elf abholen und meine Hoffnung auf ein oder zwei ungestörte Stunden mit ihr oben auf meinem Zimmer schmolz dahin.

 

„Nun, echte Römer kennenzulernen ist wohl eher schwierig“, scherzte meine Mutter und Jessi schenkte ihr den Glockenklang ihres Lachens.

 

Mein Vater entgegnete: „Der Papst spricht Latein so fließend wie Cato und Cicero.“

 

„Tut er nicht!“ Das war Oma Frieda.

 

Sie schaltete sich am liebsten immer dann ins Gespräch ein, wenn sie meinen Vater korrigieren konnte. Vermutlich ging das schon seit sechzig Jahren so.

 

Sie erklärte: „Die genannten Herren sprachen klassisches Latein, der Papst hingegen Kirchenlatein, das ist vergleichsweise eine Gossensprache.“ Und an Jessi gewandt: „Bleiben Sie bei den Lebenden, mein Kind, in Ihrem Alter konnte ich mit Französisch auch mehr anfangen als mit Latein und Griechisch.“

 

Dabei zwinkerte sie ihr zu, und wäre meine Oma nicht meine Oma gewesen, sondern jemand anderes, hätte ich den letzten Satz und dieses Augenzwinkern als eine durchaus frivole Anspielung verstehen können. Weil es aber meine Oma war, dreiundneunzig Jahre alt, verstand ich lieber gar nichts.

 

So plätscherte das Gespräch dahin wie die kostbare Zeit dieses vertanen Samstagabends und ich schaltete ab und ließ meinen Kopf seine eigenen Wege gehen, bis plötzlich, als wir aufgegessen hatten, das Unfassbare geschah. Wie immer erhob sich meine Mutter als Erstes und sammelte die Teller ein, woraufhin wir anderen (außer meiner Oma, die sitzen blieb) uns ebenfalls bequemten, ein paar Dinge in die Küche zu tragen, und als wir unsere Schüsseln und so weiter auf der breiten Anrichte abgestellt hatten, sprach Jessi die Worte: „Darf ich mit Ihnen die Küche aufräumen, Frau Bochmann?“

 

„Aber gerne“, flötete meine Mutter und schob uns, das heißt meinen Vater und mich, aus der Küche und Richtung Terrassentür; er mit einem überaus angetanen Gesichtsausdruck, ich mit ungläubig aufgeklapptem Mund. Wir waren Jahrzehnte durch die Zeit zurückgepurzelt, ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum musste sich geöffnet haben, anders konnte ich mir das nicht erklären. Ich kannte das nur noch entfernt von den Familienfeiern ganz früher Kindheitstage: Alle Tanten und Cousinen betätigten sich mit meiner Mutter in der Küche, während die Onkel und Cousins mit Frank und meinem Vater im Garten rauchten und Cognac tranken. Ich spielte derweil auf der Terrasse mit den Mitbringseln.

 

Auf dem Weg nach draußen hielt mein Vater inne und fragte mich, in einem seltsam kollegial klingenden Ton: „Möchtest du heute auch einmal ein Glas Cognac trinken? Und Jessi vielleicht auch? Ein wirklich sehr nettes Mädchen.“

 

Und ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er Richtung Kellertreppe. Ich schnappte mir eine Wolldecke von einem der Sofas und ging zurück in den Garten, wo die wohl einzige noch halbwegs sauber tickende Person verblieben war.

 

 

„Ist dir vielleicht kalt, Oma? Ich hab dir ‘ne Decke mitgebracht.“

 

„Kalt war mir mit siebzig“, knurrte sie und zwinkerte. „Inzwischen spüre ich gar nichts mehr. Los, setz dich zu mir.“

 

Sie klang verschwörerisch und zündete sich, während ich mit meinem Stuhl an ihren heranrückte, eine dieser langen, dünnen Zigaretten an, die ich außer von ihr nur aus alten Filmen kannte. Niemand von den Erwachsenen in meiner Familie rauchte mehr, nur sie noch. Aber mit Anfang neunzig war das vermutlich auch egal.

 

„Sie ist ein nettes Mädchen, hm?“, sagte sie und neigte den Kopf zu mir. Ich war ihrem Gesicht schon lange nicht mehr so nah gewesen, ihre Haut war von tiefen Falten zerfurcht und von Altersflecken übersät, aber in ihren Augen schimmerte ein heller Glanz. „Was ist denn aus diesem anderen Mädchen geworden?“

 

„Merle?“

 

„Eine kluge junge Frau, mit so interessanten Ansichten. Bist du mit ihr nicht mehr zusammen?“

 

„Wir waren nie zusammen“, sagte ich, erhob mich und holte den großen Kristallaschenbecher, der immer auf dem Sims des Außenkamins steht und auf rauchenden Besuch wartet.

 

Wäre Merle meine Freundin, überlegte ich kurz, würde dieser Abend anders verlaufen. Jedenfalls würde sie niemand ein nettes Mädchen nennen und bestimmt würde sie meinen Vater in eine politische Diskussion verwickeln, die mit einem Eklat endete. Na ja – meiner Oma würde das vielleicht sogar gefallen. Ich stellte den Aschenbecher vor sie auf den Tisch und setzte mich wieder.

 

„Merle und ich sind gute Freunde, nichts weiter.“

 

Meine Großmutter schnippte die verglommene Spitze ihrer Zigarette in den Aschenbecher mit dieser Geste, die mir immer irgendwie weltläufig vorkam, und sagte: „Ihr jungen Leute braucht doch heute nicht mehr darauf zu achten, was eure Eltern sagen.“

 

Sie sagte diesen Satz ohne erkennbaren Zusammenhang und doch kam es mir vor, als hätte sie meine Gedanken erraten. Er erinnerte mich an die Diskussion mit Mesut vor einer Weile. Aber auf welche Frau du stehst, hängt ja nicht davon ab, ob deine Freunde sie für verrückt halten oder nicht. Nee, aber vielleicht danach, ob es eine extremst komplizierte Kiste würde oder einfach nett.

 

„Freundschaft ist wichtig“, sagte meine Großmutter mitten in meine Gedanken hinein. „Ich weiß, dass einem das in deinem Alter noch egal ist. Aber Liebe ohne Freundschaft ist nichts als Einöde, wenn die wilde Anfangszeit erst einmal vorbei ist.“

 

Dabei ging ihr Blick versonnen in die Ferne. Obwohl ich mich mit aller Kraft dagegen wehrte, flackerten in meinem Hirn Bilder meiner Großeltern auf, beim Sex. Ich schüttelte sie weg und sagte streng: „Bitte, Oma, ich habe keinerlei Heiratspläne, falls du das denkst.“

 

„Das weiß ich doch“, erwiderte sie ebenso streng. „Ich sage es dir jetzt, damit du es dir für später merken kannst, wenn ich nicht mehr da bin.“

 

Ich lachte.

 

„Komm schon, seit ich mich erinnern kann, sprichst du davon, dass du in höchstens einem Jahr sterben wirst. Aber wir werden mit einer riesen Party noch deinen Hundertsten feiern.“

 

„Merke es dir trotzdem!“

 

 

„Merksätze für den Ernst des Lebens?“, fragte mein Vater, der gerade wieder aus dem Haus trat, mit einer Spur Sarkasmus in der Stimme.

 

Er stellte seine Cognacgläser auf den Tisch und schenkte sich und meiner Großmutter ein. Ich lehnte dankend ab. Schweigend sahen wir ihr beim Rauchen zu und hingen dabei unseren Gedanken nach. Mein Vater ließ vielleicht die vielen Merksätze Revue passieren, die er im Laufe seines langen Lebens von ihr zu hören bekommen hatte. An die meisten hatte er sich vermutlich nicht gehalten. Ich dagegen dachte an die kluge junge Frau mit den interessanten Ansichten und hoffte, dass es ihr gut ging. Ich hatte heute den halben Tag lang ferngesehen (Phönix, N-TV und wie all diese Nachrichtensender heißen) mit der verrückten Idee, sie vielleicht irgendwo entdecken zu können. Sie war an die Ostsee gefahren, zu diesem Gipfeltreffen in der Nähe von Rostock. George Bush war da und der besagte Sarkozy und Wladimir Putin und Angela Merkel natürlich und eben Merle, irgendwo unter den Zigtausenden von Demonstranten. Vielleicht saß sie längst irgendwo in einer Zelle, eingepfercht mit etlichen anderen verhafteten Demonstranten (eintausend Leute waren festgenommen worden, hieß es im Fernsehen) und wünschte sich heimlich, dass ihr Vater noch lebte und er sie da rausholte. Vielleicht stand sie in diesem Augenblick aber auch in einer der vorderen Reihen bei diesem Popkonzert gegen Armut mit Bono und Grönemeyer, den Hosen und so weiter, und wenn ein etwas ruhigeres Lied kam, dann schmiegte sie sich an ihren Lars und fühlte sich glücklich und frei.

 

Ich hatte nie richtig verstanden, was solche Demos eigentlich bringen sollen. Diesen Staatschefs ist es doch egal, ob sich irgendwo draußen vor dem Zaun ein paar Leute über sie aufregen. Vor einiger Zeit war mir unter Dusche mal eine Idee gekommen, eine Vision, würde Merle vielleicht sagen. In dieser Vision verabreden sich alle Jugendlichen in allen Industrienationen übers Internet für einen ganz bestimmten Tag. Und ab diesem Tag tun wir nichts mehr. Wir gehen nicht in die Schule, nicht zur Arbeit, nicht zum Sport oder zur Gruppenstunde oder was man sonst so macht. Wir bleiben einfach Bett. Millionen von Leuten. Bleiben im Bett, sehen fern und essen Chips. So lange, bis diese Politiker endlich ihre Versprechen halten. Also die Armut bekämpfen, dafür sorgen, dass alle Kinder Zugang zu Bildung haben, wie sie das nennen. Die Wirtschaft neu sortieren und diesen Finanzvampiren das Handwerk legen. Und so weiter. Wie lange würden die Politiker das durchhalten können? Drei Tage? Drei Wochen? Oder ewig? Wahrscheinlich wären sie sogar froh. Keine Jugendlichen mehr, die auf der Straße rumlungern oder in der U-Bahn Rentner verprügeln.

 

Die Idee war immerhin gut. Es musste nur halt mal einer damit anfangen. Bis dahin würde ich weiter hier rumsitzen und warten, dass was passiert. Vielleicht hatte Merle doch den besseren Ansatz, vielleicht reichte ja auch einfach das gute Gefühl, auf der richtigen Seite vom Zaun zu stehen. Und darauf war ich ein bisschen neidisch. Im Gegensatz zu Merle wusste ich keine Sache, für die ich mich so sehr würde einsetzen wollen, dass ich sogar einen Besuch bei meiner Cousine in Frankfurt erfinden und heimlich nach Heiligendamm an der Ostsee trampen würde, in der Erwartung, einen Schlagstock gegen den Kiefer zu kriegen. Auch nicht mit Lars, achtzehn, Schülersprecher. Immerhin hatte ich meine Freundschaft zu Merle, so konnte ich ein bisschen an ihren Abenteuern teilhaben. Ansonsten blieben mir nur meine Abenteuer in Aventurien. Was für Ideale hatte eigentlich Cordovan, fragte ich mich, wie weit würde er dafür gehen?

 

Leider konnte ich über diese Dinge nicht mit Jessi sprechen, die eben mit meiner Mutter fröhlich plaudernd wieder in den Garten kam, denn erstens kam ich bei ihr eh kaum zu Wort und wenn doch, hätte sie es zweitens sicher nicht kapiert und drittens hatte ich außerdem gar keine Ahnung, wie ich es hätte ausdrücken können und das war vermutlich das Hauptproblem.

 

 

Irgendwann fasste ich mir ein Herz, stand einfach auf und sagte: „Jessi, ich wollte dir doch noch meine Briefmarkensammlung zeigen. Ihr entschuldigt uns bitte?“

 

Dabei schaute ich auf eine Weise in die Runde, die man in Büchern vielleicht als „verschmitzt“ bezeichnen würde, und erntete gutmütiges Lachen meiner Familie. Ich nahm Jessi an der Hand und zog sie förmlich fort, ins Haus hinein und die Treppe hinauf auf mein Zimmer.

 

„Hey“, beschwerte sie sich, „das war doch gerade ganz nett, unten im Garten.“

 

Ich rollte die Augen, weil mir die inflationäre Verwendung dieses Wortes inzwischen ziemlich auf den Keks ging. Sie bemerkte meine Mimik und setzte nach: „Es gibt ja auch noch was anderes als immer nur Knutschen.“

 

„Gut, dass mir das endlich mal einer sagt“, gab ich zurück. „Ich wollte dir was erzählen.“

 

„Was?“

 

„In den Ferien“, begann ich. „Es ist so, dass meine Eltern zwei Wochen wegfahren. Ohne mich. Sie lassen mich doch tatsächlich mal allein zu Hause. Die zweite und die dritte Woche. Hammer, oder? Ich meine: Wir können die ganze Zeit hier rumhängen, tun, was wir wollen, und wenn du Lust hast, kannst du auch mal bei mir pennen.“

 

„Oh“, machte sie und schaute nach unten. „Das ist schade. Also wegen der Zeit, ich fahre nämlich auch weg. In den ersten drei Wochen. Mit meinen Eltern.“

 

Ich nahm ihr nicht ganz ab, dass sie das bedauerte. Vielleicht hatte ich sie ein bisschen überrumpelt und sie malte sich aus, was ich in dieser Zeit, allein mit ihr hier in unserem Haus, wohl alles vorhatte. Fast hätte ich schnell gesagt, dass sie keine Angst haben bräuchte, ich sei schließlich kein Sexmonster. Aber ich unterließ es. Es hätte sich ziemlich blöd angehört. Außerdem spürte ich plötzlich, dass mein eigenes Bedauern auch nicht allzu groß war. Zwei Wochen allein, ohne Eltern – und ohne meine Freundin Jessi. Ein gutes Gefühl stieg in mir auf und ich wusste nicht, ob ich es zulassen sollte. Ob Merle wohl während der Ferien verreisen würde?

 

Jessi betrachtete meine Pinnwand. Dort hingen sämtliche Flyer und Folder und so weiter, die ich in meiner kurzen Grafikdesgin-Karriere schon gemacht hatte. In der Mitte prangte Ministerin Sommer: Kopfnoten sind für den Arsch.

 

„Hast du eigentlich schon unterschrieben?“, fragte ich.

 

„Das da?“

 

Sie nahm den Flyer ab und drehte ihn mit skeptischem Blick in der hand hin und her.

 

„Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt dagegen sein soll“, meinte sie. „Ich meine – was ist so schlecht daran, ein bisschen was über die Eigenschaften auf dem Zeugnis zu haben? Die geben einem ja auch Noten für Sport und Musik und sogar für Religion. Warum nicht auch für das sonstige Verhalten?“

 

„Ach“, winkte ich ab, „darüber können wir ein anderes Mal diskutieren.“

 

„Und überhaupt“, setzte Jessi nach, „finde ich es total bescheuert, dass man auf diesen Unterschriftenlisten seine Handynummer angeben soll. Hat diese Merle noch nie was von Datenschutz gehört oder was? Stehst du da eigentlich selbst auch dahinter oder machst du das nur ihr zuliebe?“

 

Ich musste ihrem Blick ausweichen. Als hätte sie meine Gedanken von vorhin erraten. Diese Merle.  Dieser Lars. Diese Jessi. War ich für irgendjemanden dieser Ben? Manchmal habe ich diesen der Gedanken, dass sich die Zukunft krümmt und dehnt, nicht nur im Kopf. In Momenten wie diesen hier spüre ich es wirklich körperlich. So in der Magengegend.

 

„Du sagst das, als wäre sie ein großes Mysterium“, meinte ich. „Am besten, du lernst sie mal kennen, dann kannst du dir selber ein Bild machen.“

 

„Ja“, nickte sie, „das wäre doch ganz …“ Sie schluckte das nett runter und grinste. „Also ich fänd’s gut. Mal was anderes als immer nur zu zweit rumhängen oder“, sie lachte, „mit unseren Eltern.“

 

 

„Mal was anderes?“, fragte Merle ungläubig, als wir am Abend des folgenden Tages telefonierten. „Das ist nicht anders, das ist abartig. Du willst einen Pärchenabend machen! So was macht man mit dreißig, schlimm genug. Gott, ich seh uns schon in deinem Zimmer sitzen, Jessi, Lars, du und ich, wahrscheinlich spielen wir den ganzen Abend Canasta.“

 

Okay, sie war randvoll von den ganzen Eindrücken ihres Ostseeabenteuers und hatte jetzt keinen Bock auf so provinzielle Themen. Ich wiederum hatte kein Bock auf diese ätzende Art von ihr.

 

„Penn dich erst mal aus“, brummte ich. „Ich komm morgen bei dir vorbei.“

 

Bevor sie protestieren konnte, legte ich auf.