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Leseprobe aus DSCHIHAD CALLING

„Hey, voll der Bart“, sagte Sarah. „Bist du jetzt ein Hipster oder so was?“

„Macht dich jedenfalls ziemlich erwachsen“, bemerkte Hannah.

„Sieht aber auch ein bisschen ungepflegt aus“, fand mein Vater.

„In deinem Alter hab ich auch mal wachsen lassen“, sagte Phil, Hannahs Freund, der halt irgendwas beitragen wollte.

Heiligabend als Castingshow. Anscheinend waren alle froh, dass mein Outfit ein Gesprächsthema bot. Weihnachten ist ja so was wie eine Zeitblase: Egal, was man in der Zwischenzeit getan hat – plötzlich ist einen Abend lang wieder alles wie früher. Nicht von außen besehen, denn früher hatten wir ein schönes Haus gehabt und einen echten Tannenbaum anstatt dieses hässlichen Plastikbäumchens mit den bunt flackernden LED-Birnchen, das mein Vater in einer Ecke seines kleinen Wohnzimmers aufgebaut hatte. Trotzdem fühlte ich mich genau wie früher, eingeklemmt zwischen meinen Schwestern. Die hyperaktive Sarah, kürzlich sechzehn geworden, redete wie ein Wasserfall und unterbrach sich nur, um über ihre eigenen Witze zu lachen. Hannah hingegen hatte schon als Kind eher über den Dingen geschwebt und uns spüren lassen, dass sie uns um Jahre voraus sei. Jetzt war sie zwanzig und benahm sich wie vierzig, vor allem mit diesem Phil an ihrer Seite, der mir ständig altväterliche Bemerkungen zuwarf. Ich hing seit eh und je irgendwo dazwischen; ein Sandwichkind, das nirgends richtig hingehörte. Nach der Trennung unserer Eltern hatten wir erst alle bei meiner Mutter gelebt, aber es lief nicht gut zwischen mir und den drei Frauen. Mit fünfzehn bin ich zu meinem Vater gezogen und wir haben uns als Männer-WG einigermaßen arrangiert. Jeder machte sein Ding und ich verstand noch nie, wieso ausgerechnet an Weihnachten immer so getan werden musste, als seien wir eine tolle Familie.

Wir aßen Kartoffelsalat aus dem Supermarkt und aufgeplatzte Würstchen, die in einer fettäugigen Brühe dümpelten.

„Wieso nimmst du keine Wurst?“, fragte mein Vater. „Gehst du jetzt auch unter die Vegetarier?“

Ich schaute zu Hannah hinüber, die uns früher mit Horrorgeschichten über Tierhaltung terrorisiert hatte.

„Ich ess bloß kein Schweinefleisch mehr“, sagte ich.

„Du bist doch nicht etwa Moslem geworden?“, rief Sarah aufgeregt. „Trägst du deshalb den Bart?“

„Es heißt Muslim“, verbesserte ich. „Aber ich bin keiner.“ Wahrhaftigkeit, Mann! „Jedenfalls noch nicht“, schob ich nach. „Vielleicht wird Allah – subhanahu wa-ta’ala – mich rechtleiten.“

Mein Vater glotzte mich mit aufgerissenem Mund an. Das sah nicht schön aus, weil er gerade eine Gabel voll Kartoffelsalat hineingeschoben hatte.

„Irre“, meinte Sarah.

Hannah fragte: „Wird das so ‘ne Art Selbstfindungsnummer?“

Und Phil erzählte: „Ich hab ja früher auch mal verschiedene Religionen ausprobiert. In deinem Alter kann man ruhig ein bisschen experimentieren.“

„Du spinnst, Junge“, sagte mein Vater und musste husten. Vielleicht hatte er sich an seinem vollen Mund verschluckt.

„Sag mal“, wandte ich mich an Sarah, „hattest du nicht neulich diese Schulaufführung?“

„Allerdings – es war deeer Hammer“, plapperte sie los.


Für den Rest des Abends war der Islam kein Thema mehr. Und irgendwann machten sich die drei davon. Hannah wollte noch mit Phil zu dessen Eltern, Sarah zu unserer Mutter. Ich blieb bei meinem Vater, um in meinem alten Zimmer zu übernachten. Er räumte den Tisch ab und pflanzte sich vor den Fernseher, während ich meine Sachen musterte: Stereoanlage, BVB-Wimpel und Mavericks-Poster an der Wand, daneben ein Regal mit Fantasyromanen. Nichts schien es wert, dass ich es mit nach Bonn nahm, in mein leeres, reines, weißes Zimmer bei Adil. Ich hatte eine fantastische Welt betreten, die weit jenseits von Mittelerde oder Aventurien lag, fern auch der, in der ich bisher zu Hause gewesen war. Oder zu sein geglaubt hatte.

Kennst du Matrix?, hatte Adil mich neulich gefragt. Genau so sei es hier in dieser Gesellschaft, meinte er. Du hältst das alles für real, dabei ist es nur Schein und Verblendung. Narkose. Irgendwann kommt Allah und zieht den Stecker. Plötzlich siehst du alles klar.

Ich zog meine Schuhe und Jacke an und rief: „Ich geh noch spazieren.“


Draußen war es beinahe mild, jedenfalls nicht kalt genug für weihnachtliche Gefühle. Am Himmel sah ich Sterne, aber nur einen Bruchteil von denen, die man zum Beispiel an der Nordsee oder in den Bergen sieht, denn der Smog aus Licht und Abgasen vernebelte das Firmament. War ich bereit, klar zu sehen? Wollte ich zulassen, dass Allah mir den Stecker zog, der mich an die Matrix band? Komischerweise zweifelte ich längst nicht mehr an seiner Existenz. Ohne irgendein aufregendes Erweckungserlebnis oder dergleichen hatte sich die Erkenntnis in meinem Innern eingenistet und kam mir auf unerklärliche Weise plausibel vor. Okay, die Matrix folgte ihren eigenen Regeln – ihren Naturgesetzen, ihren moralischen Normen, und solange man nichts anderes kannte, hielt man sie für zwingend logisch. Doch jenseits der Matrix begann eine ganz neue, viel größere Logik, ein unendlich viel tieferes Verständnis der Welt.

Der Wind wehte mir den Klang von Glocken entgegen. Ohne groß nachzudenken, folgte ich dem Geläut und betrat den neobarocken Kirchbau, in den ich seit meiner Kindheit keinen Fuß mehr gesetzt hatte, nicht mal zur Christnacht. Vorne verlas der Priester irgendwas und seine Gemeinde quittierte es mit ungerührtem Schweigen. Die Christen in ihren Mänteln und Winterjacken, mit ihrer Leichenbittermine und den vor dem Bauch verknoteten Händen erweckten nicht den Eindruck, als sei in dieser Nacht irgendwo ein Erlöser geboren. Nichts hier hatte mit Isa ibn Maryam zu tun, dem Wort der Wahrheit als Zeichen des Erbarmens für die Menschen – wie Jesus im edlen Qur’an bezeichnet wurde.

Beinahe floh ich aus der Kirche, taumelte die Stufen vor dem Portal hinab auf die Straße. Die Worte hatten sich soeben von allein in meinem Kopf geformt. Ich hatte sie zwar nicht gesprochen, aber deutlich gedacht, als spräche ich zu mir selbst. Qur’an, hatte ich gedacht, so wie Samira es aussprach und Adil und Abu Tarek und alle, mit rollendem R; nicht plump Koran, wie die Kuffar sagen.


Ich steckte mir einen Kaugummi in den Mund und betrachtete wieder den Himmel. Das Universum ist voller Supercluster. Jeder einzelne besteht aus Gruppen von Galaxien, die wiederum Millionen von Sternen bergen. Irgendwo gibt es dort eine kleine Milchstraße und ganz unscheinbar an deren Rand ein unauffälliges Sonnensystem. Flöge man durch das interstellare Nichts darauf zu, ließe man die großen Gasplaneten passieren und auch den kleinen roten Punkt namens Mars, käme man zu einer winzigen blauen Perle, einem atmenden Staubkorn im All, auf dem sieben Milliarden Exemplare von Homo Sapiens leben und lieben, essen und scheißen, gebären und töten und sterben. Eines von diesen sieben Milliarden stand hier auf der Straße zwischen einer scheinheilig erleuchteten Kirche auf der einen Seite und einem vor langer Zeit pleite gegangenen Sexkino auf der anderen und sehnte sich danach, seinem Schöpfer zu begegnen. Seinem wirklichen Schöpfer und nicht seinem biologischen Vater, dem es gefallen hatte, drei Kinder in die Welt zu setzen, ohne mit seinem eigenen Leben irgendetwas Sinnvolles anzufangen. Und der vor dem Fernseher schlief, in jener Nacht, während ich leise in mein altes Zimmer tappte und meine Bettdecke auf dem Boden in Richtung Mekka ausrollte, nachdem ich die Qibla, die Gebetsrichtung, mithilfe einer Smartphone-App bestimmt hatte.


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