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Making of DSCHIHAD CALLING



Hunderte Stunden mit Propaganda-Videos, nächtliche Chats und überraschend offene Gespräche bereiten den Boden, auf dem dieser Roman steht. Steht, nachdem er schon einmal gestorben war. Anfang 2010 hatte ich einen Roman begonnen, der an der Geschichte der „Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterSauerlandzelle“ inspiriert war. Ich recherchierte und recherchierte, besuchte Versammlungen von Salafisten und unterhielt mich mit einigen von ihnen. Ich schaute unzählige Videos, versank in Blogs und Tutorials, war irgendwann randvoll mit meinen Eindrücken: Ich hatte eine faszinierende Religion und viele aufgeschlossene Menschen kennengelernt – zugleich aber auch Leute, die diese Religion auf plumpe und brutale Weise missbrauchen.

 

Ich schrieb wie im Wahn und hielt schließlich ein völlig verkopftes Monster von Manuskript in Händen, mit löchriger Dramaturgie und mit Figuren, deren Motivation noch nicht mal mich selbst überzeugen konnte. Der Stoff war mir über den Kopf gewachsen. Und nach einigem Hin und Her haben der Verlag und ich das Projekt beerdigt.

 

Doch dann tauchte scheinbar wie aus dem Nichts diese Terrorgruppe auf, die sich selbst „Islamischer Staat“ nennt. Jetzt ist das Thema für mich erst recht gestorben, dachte ich. Da geschehen so schreckliche Dinge, dass ich unmöglich darüber schreiben könnte, dachte ich. Jetzt brauchen wir das Buch erst recht, fand hingegen mein Verlag. Beim gemeinsamen Anstehen mit der dtv-junior-Programmchefin in der Wurstbudenwarteschlange auf der Messe in Frankfurt schnappte das totgerittene Projekt plötzlich nach Luft, fing wieder zu leben an.

 



Jakob und Samira, diese beiden Figuren waren sofort in meinem Kopf. Ich hörte ihre Stimmen, konnte sie vor mir sehen. Doch etwas fehlte noch. Besser: jemand. Ich gebe zu, ich hatte Angst vor Adil. Denn um ihm eine Rolle in diesem Roman zu geben, musste ich mich selber dem Grauen aussetzen. Und wäre das denn überhaupt möglich, das Innenleben des IS soweit zu recherchieren, dass sich eine fiktive Geschichte aus dem Alltag des selbsternannten Kalifats erzählen ließe? Hätte ich gewusst, dass sich Borderline-Publizist Todenhöfer persönlich vor Ort zu begeben gedachte, hätte ich vielleicht gewartet, bis sein Buch erschien. So aber bin ich zunächst ein treuer Zuschauer der IS-Filmemacher geworden. Zumindest, bis ich den erschütternden Blog von Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterRaqqa-sl kennenlernte: Hier berichten wahrhaft mutige Menschen direkt aus ihrem Alltag unter der schwarzen Fahne des falschen Kalifen und setzen für ihre journalistische Arbeit ihr Leben aufs Spiel. (Ihnen ist in gewisser Weise die Episode von Adils Begegnung mit dem Apotheker Abu Loay gewidmet.)

Und ganz zum Schluss, als das Manuskript so gut wie fertig war, fand ich völlig überraschend einen direkten Chat-Kontakt nach Raqqa, zu einer jungen Frau aus München, die dorthin „ausgewandert“ war (wie es im IS-Slang heißt), um den Kampf des IS zu unterstützen. Leider riss der Kontakt rasch wieder ab – und zurück blieb mir ein schales Gefühl: Hatte ich in den kurzen Interviews eigentlich überhaupt meine eigene Haltung deutlich gemacht? Oder einfach nur ganz neutral Fragen gestellt?

 

Wie viel Haltung braucht ein Autor eigentlich überhaupt? Schließlich habe ich kein Sachbuch geschrieben, sondern einen Roman. Eine fiktive Geschichte mit eigenen Charakteren, von denen keiner mein alter ego ist. Trotzdem hoffe ich sehr, dass eine Haltung deutlich wird. Nein, eigentlich hoffe ich vielmehr, dass der Roman Leserinnen und Leser einlädt, sich nach der eigenen Haltung zu fragen. Auf Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterFeedback freue ich mich.

 


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