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Outtakes

Seite 116, unten:

 

Diese Dinge gingen mir weiter durch den Kopf, als ich längst zu Hause angekommen war. Statt mir mein Mittagessen aufzuwärmen, zog ich mich auf mein Zimmer zurück. Dort stand ich dann einfach am Fenster und sah hinüber in den Garten des Hauses nebenan, wo Schulzes jetzt wohnten, eine nette Familie mit drei Kindern. Sie hatten das Klettergerüst genau so stehen gelassen, wie Merles Vater es damals gebaut hatte, mit Rutsche und Schaukel. Ich schloss die Augen und sah Merle an einem frühlingshaften Samstagvormittag vor fünf Jahren auf dieser Schaukel sitzen, leicht hin und her pendelnd, ein elfjähriges Mädchen, das mir mit ernster Mine erklärte, warum Edmund Stoiber nicht Bundeskanzler werden durfte. Sie hatte sich in diesem Frühjahr die Haare kurz schneiden lassen und sah älter damit aus. Dieser Samstag kurz vor Ostern 2002 war der Tag, an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben politisch aktiv wurde.

 

„Du willst auch nicht in einem Land leben, das von so einem regiert wird“, sagte sie bestimmt. „Der will zum Beispiel, dass Frauen nicht arbeiten gehen dürfen, sondern sich nur noch um den Haushalt kümmern und so. Und gegen Ausländer ist der natürlich auch.“

 

Das wunderte mich. Seit Wochen redete mein Vater über diesen Stoiber, endlich mal ein Politiker mit Rückgrat, sagte er dauernd, und dass jetzt das Benzin nicht mehr teurer werden würde, wenn Stoiber erstmal Kanzler sei, aber das mit den Frauen und den Ausländern erwähnte er nicht.

 

Ich saß vor ihr im Gras und beschäftigte mich damit, Löwenzahn abzureißen und die Stängel so ineinander zu stecken, dass ein langes Röhrchen entstand, die ich zu abstrakten Formen drehte und knotete. Eine milchige Flüssigkeit tropfte heraus.

 

„Dich interessiert das alles nicht“, beschwerte sich Merle. „Alles, woran du denken kannst, ist dein blöder Bayer Leverkusen.“

 

„Bayer – wer?“, gab ich missmutig zurück. „Das ist alles gelaufen.“

 

In der Tat war ein bisschen meine Welt zusammengebrochen, seit der Bayer, wie man in Leverkusen sagt, innerhalb von nur drei Wochen die Meisterschaft vergeigt, das DFB-Pokalfinale versemmelt und das Finale der Champions League verloren hatte. Noch Jahre später hatte ich Alpträume davon, wie Zinédine Zidane den Ball über den halben Platz volley in unser Tor drosch. In Kürze würde die Weltmeisterschaft starten, aber Fußball interessierte mich nicht mehr die Bohne. Wo Michael Ballack jetzt auch noch aus Leverkusen weg und zu den Bayern ging.

 

„Ich find die Bayern dermaßen scheiße“, rief ich plötzlich und ohne für Merle erkennbaren Zusammenhang. „Ich glaub, ich will auch nicht, dass der Stoiber Kanzler wird.“

 

Da sprang Merle von der Schaukel, ergriff meine Hand und zog mich hoch.

 

„Komm mal mit.“

 

Ich ließ meine Löwenzahnstängelskulptur ins Gras fallen und folgte ihr. Auf der Terrasse buddelte Herr Bruns in einigen großen Blumenkübeln herum, die er neu bepflanzen wollte. Er richtete sich kurz auf und zwinkerte uns freundlich zu. Nichts am Gesicht von Merles Vater deutete auf Veränderungen hin. Er lebte mit dem Virus, pflegte Merle zu sagen, so wie man das anscheinend ausdrückt, aber die Krankheit war nicht ausgebrochen. Noch nicht. Es war ein normaler Samstag, und da Merles Mutter nicht zuhause sondern auf dem Markt zum Einkaufen war, war auch gerade nichts davon zu spüren, dass zwischen Frau und Herrn Bruns seit einem guten halben Jahr alles aus war, dass sie nur noch zusammenlebten um Merles willen und um das Haus nicht verkaufen zu müssen.

 

Merle schleppte mich die Treppe hoch. Fast zwei Jahre war es inzwischen her, dass ich ihr Zimmer zum ersten Mal betreten hatte. Damals war ich einer märchenhaften indischen Prinzessin begegnet. Der hölzerne Frosch mit dem Klangstab im Maul und dem Drachenkamm auf dem Rücken stand noch im Regal, aber fast alles andere hatte sich verwandelt. Dieser Raum war kein Kinderzimmer mehr. Die Einrichtung und Accessoires, Bücher, Bilder, Poster waren einem ständigen Wandel unterworfen und wurden immer erwachsener, irgendwie. Doch weil ich mehrmals wöchentlich in diesem Zimmer zu Gast war, bemerkte ich davon eigentlich nichts. Nur an diesem Tag seltsamer Weise fiel es mir auf. Vielleicht deshalb, weil ich mich die ganze Zeit schon fragte, was dieses Gerede von der Politik sollte.

 

Merle zog eine Schublade an ihrem Schreibtisch auf und holte einen Stapel Aufkleber hervor, den sie mir in die Hand drückte. Die Aufkleber waren achteckig wie ein Stoppschild und sahen auch genauso aus, mit einem dicken knallroten Rand. Mittendrauf stand der Slogan Stoppt Stoiber!

 

„Wo hast du die denn her?“, fragte ich.

 

„Die gab’s bei den Falken“, sagte sie, „das ist ein sozialistischer Jugendverband, hab ich mir letzte Woche mal angeschaut. Wahrscheinich geh ich da jetzt öfter hin. Kannst ja mal mitkommen, wenn du möchtest.“

 

„Was ist denn aus diesen Umweltschützern geworden, wo du letztes Jahr eingetreten bist?“

 

„Das war mir zu langweilig.“

 

„Und was machen wir jetzt damit?“ Ich schaute ratlos auf den Stapel Aufkleber in meiner Hand.

 

„Na ja“, meinte sie, „die kannst du halt irgendwo hin kleben.“

 

Da kam mir eine Idee.

 

„Los“, rief ich, „Wir fahren zum Bayer-Kaufhaus.“

 

„Und dann?“

 

„Wart’s ab!“

 

 

Wir meldeten uns ab, wie Elfjährige das so tun, und fuhren mit unseren Rädern ins nahegelegene Einkaufszentrum, den künstlich und mit viel Beton angelegten Mittelpunkt unseres Stadtteils, wo es damals noch ein Bayer-Kaufhaus gab, Filiale einer werkseigenen Kaufhauskette und Überrest aus der Zeit, als der Konzern noch umfassend für die Bewohner seiner Stadt sorgte. Heute steht ein Lidl-Markt an dieser Stelle. Damals jedenfalls gingen in diesem Bayer-Kaufhaus wie an jedem Samstagmorgen die Menschen ein und aus und genau vor der Türe hatten sich, wie in der Vorwoche schon, drei in Ehren ergraute Herren unter einem Sonnenschirm postiert. Vom Schirm herab leuchtete unübersehbar der Schriftzug der CDU nach allen Seiten und die Herren darunter strahlten mit dem Logo und der Sonne um die Wette, während sie an die Bayer-Kaufhaus-Einkäufer bunte Ostereier verteilten.

 

„Schön Grüße von der CDU“, sagten sie jedesmal, wenn sie jemandem ein Ei in die Hand drückten, „und ein schönes Osterfest.“

 

„Na, möchtet ihr auch ein Osterei?“, fragte einer der Drei, den ich, wenn ich mich recht erinnerte, auch schon einmal in der Zeitung gesehen hatte.

 

Wir verneinten höflich, stellten unsere Fahrräder ab und postierten uns ebenfalls vor dem Eingang, den Dreien direkt gegenüber. Dann begannen wir, unsere Aufkleber zu verteilen.

 

„Schöne Grüße von Edmund Stoiber“, sagte ich fröhlich und hielt einer voluminösen älteren Dame einen Aufkleber hin, die, ihren Einkaufskorb in der einen und das CDU-Ei in der Hand, nicht recht wusste, wie sie reagieren sollte.

 

„Nein, danke“, sagte sie schließlich, wie man es auch zu den Zeugen Jehovas sagt oder zu Leuten, die in der Fußgängerzone Umfragen über Tierversuche durchführen.

 

Merle war erfolgreicher.

 

„Das kann man super auf das Ei draufkleben“, ermunterte sie einen Mann mit Rucksack. „Passt auch von der Farbe her.“

 

Die drei unter dem Schirm beäugten uns stirnrunzelnd, sagten aber nichts. Eine Clique Jugendlicher kam aus dem Laden spaziert, die gleich zehn Aufkleber abnahmen, ihnen folgte ein Rentner, der sich Merle einen Aufkleber geben ließ, stutzte und sich dann verdattert zu den drei Männern umdrehte.

 

„Was soll das denn, bitteschön?“, wollte er von ihnen wissen, so als seien die Eierverteiler automatisch auch für uns verantwortlich.

 

„Ignorieren Sie das“, riet der mit dem Zeitungsgesicht dem Rentner. Und sein Kollege, ein kräftiger Typ mit Schnurrbart, zischte: „Keine Ahnung, welche linken Fundamentalisten jetzt schon damit anfangen, kleine Rotzlöffel für ihre Dreckskampagnen zu instrumentalisieren.“

 

Dieser Satz machte mich wütend, obwohl ich gar nicht alle Worte kannte, die der Mann benutzt hatte. Das Wort Rotzlöffel jedenfalls hörte ich, soweit ich mich erinnern konnte, überhaupt zum ersten Mal im wirklichen Leben, bis dahin hatte ich gedacht, es käme nur in alten Kinderbüchern und Filmen von früher vor.

 

Ich machte einen Schritt auf den Mann zu und rief: „Wir dürfen hier genauso unsere Sachen verteilen wie Sie!“

 

Was vermutlich nicht einmal stimmte, denke ich von heute ausgesehen, denn mit Sicherheit hatten die Eierverteiler anders als wir den Geschäftsführer des Ladens vorher um Erlaubnis gefragt. Auf solche Gedanken kam ich aber als Elfjähriger natürlich nicht. Ich spürte in diesem Augenblick bloß die ganze ungehemmte Wut eines Kindes über die Ohnmacht den Erwachsenen gegenüber, die jederzeit tun und behaupten können, was sie wollen, und sei es, dass die Erde eine Scheibe ist, und zwar nur, weil sie eben erwachsen sind. Und vor lauter ohnmächtiger Wut fiel mir nichts anders ein als diese trotzige Erwiderung. Da stand ich also und machte schließlich wieder einen Schritt rückwärts. Merle hingegen fiel natürlich was ein, auch wenn es nicht zwingend zum Thema passte.

 

„Für unsere Aufkleber müssen jedenfalls keine Tiere in Legebatterien gestopft werden“, sagte sie.

 

Und eigentlich wäre das auch ein gutes Schlusswort für die Szene gewesen, hätte nicht der dritte unter dem Schirm, ein hagerer Älterer, der passenderweise eine Lodenweste trug, daraufhin so richtig losgelegt.

 

„Das ist nämlich das Problem in diesem Land“, schimpfte er, „ihr lasst euch von den Medien und von euren altlinken Lehrern das Hirn verdrehen und plappert dieses Gewäsch nach!“ Dann kam noch was von Lufthoheit über den Kinderbetten und dass die Schröder-Fischer-Mischpoke in Berlin ja auch nicht viel besser als der Göbbels sei; und während der Mann aus der Zeitung noch beschwichtigen wollte, gab es einen richtig schönen Tumult vor der Ladentüre: Der zwischen die Fronten geratene Rentner diskutierte eifrig mit, zwei oder drei weitere Leute blieben einfach stehen und schon konnte man weder hinaus noch hinein in den Laden, während die vom Bewegungsmelder gesteuerte Schiebetür hektisch auf und zu glitt. Als schließlich zwei Verkäufer in gemusterten Kitteln herbeieilten, um nachzusehen, was da los war, bekam ich plötzlich richtig Schiss, dass wir Ärger kriegen könnten.

 

Doch der mit dem Zeitungsgesicht löste unvermittelt die Situation auf.

 

„Kommt, wir gehen einen Kaffee trinken“, sagte er zu seinen Kollegen und sie trollten sich.

 

So rasch die Situation entstanden war, verflüchtigte sie sich wieder. Nur Merle und ich standen noch da mit unseren Aufklebern und einer der Verkäufer rief uns augenzwinkernd zu: „So, ihr habt euren Spaß gehabt. Jetzt macht mal woanders weiter, ja?“

 

„Na komm“, sagte ich zu Merle und wandte mich meinem Fahrrad zu. Sie folgte mir widerstrebend, konnte sich aber nicht verkneifen, noch einen unserer Aufkleber auf dem Sonnenschirm der CDU anzubringen.

 

Wir freuten uns, dass wir die drei Männer erfolgreich vertrieben hatten und drehten mit den Rädern noch eine Ehrenrunde durchs Einkaufszentrum. Als wir dann heimfuhren, sahen wir sie wieder unter ihrem Sonnenschirm ihre Eier verteilen, der Schnurrbärtige kratzte mit den Fingernägeln unseren Aufkleber ab. Aber wir kamen uns trotzdem wie Sieger vor.

 

 

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Lektorat

Eine Lektorin oder ein Lektor sind so etwas wie der Coach des Buches. Sie feilen gemeinsam mit dem Autor oder der Autorin am Text herum: an einzelnen Wörtern, Sätzen, Szenen - wir diskutieren, ändern, experimentieren; bis es irgendwann so ist, wie wir es haben wollen. Dabei werden manchmal Passagen stark gekürzt oder weggelassen. So wie diese hier.