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SCRIPTKID

Zille ist in die unergründlichen Tiefen des Darknets abgetaucht. Dort fühlt sie sich frei und unbeobachtet – und hat gelernt, mit einfachen Hack-Attacken Geld zu verdienen. Plötzlich findet sie in ihrem Posteingang eine verschlüsselte Botschaft.

 

Ist es die Nachricht einer Firma, die nach jungen talentierten Hackern sucht?

 

Oder eine Falle von jemandem, der sich an ihr rächen möchte?



Leseprobe

„Na, was hat dich aufgehalten?“, fragt Yu-Mi, nachdem ich brav siebenundzwanzig Liegestütze gemacht habe – je eine für jede Minute Verspätung. „Oder besser gesagt – wer? Fritz Nietzsche?“

„Er will mich treffen. Ich zeig es dir nachher.“

Ich strahle sie an. Bestimmt glänzt mein Gesicht feuerrot von den Liegestützen gerade und vor lauter Begeisterung, aber Yu-Mi kann das überhaupt nicht teilen, sehe ich.

„Treffen“, sagt sie ernst. „Da reden wir aber noch einmal drüber.“

„Machst du jetzt auf Mutti, oder was?“

„Wenn es sein muss.“

„Celina und Yu-Mi, Schluss mit dem Kaffeekränzchen!“ Giusy scheucht uns auseinander.

Sie ist Studentin und gerade mal drei Jahre älter als wir, aber als Trainerin unerbittlich hart. Erst eine gute Stunde später, als wir völlig ausgelaugt in der Umkleide hocken und unsere Trinkflaschen leersaugen, können Yu-Mi und ich uns unterhalten. Ich berichte ihr von Fritz Nietzsches Nachricht und erzähle, wie ich die Primzahlen gefunden habe und die seltsame Facebookseite mit den Koordinaten.

 

Yu-Mi nimmt mir das Handy aus der Hand, schaut auf den Kartenausschnitt und runzelt die Stirn.

„Das ist drüben, in der Nähe vom Mülheimer Hafen.“ Sie lässt das Handy sinken und sieht mich sehr ernst an. Das heißt – sie sieht mich an wie immer, aber ich spüre, dass es ihr sehr ernst ist.

„Da ist nichts außer einer Ansammlung uralter Fabrikhallen“, flüstert sie. „Industrieruinen, baufällig und von allen lebenden Seelen vor langer Zeit verlassen.“

Ich nicke nur und fahre mir mit dem Handtuch über den Nacken. Mein Herz pocht. Ich habe das Rätsel gelöst! Na gut, okay, Yu-Mi hat das Rätsel gelöst, aber ich bin eingeladen. Ich bin … auserwählt!

„Ich weiß, was du denkst“, sagt Yu-Mi.

„Und ich weiß, was du denkst“, entgegne ich. „Du denkst, dass es zu gefährlich ist, wenn ich Montagabend dorthin gehe.“

„Hast du gewusst, dass statistisch gesehen jede Woche irgendwo in Deutschland jemand entführt wird?“, fragt sie.

„Nein, das wusste ich nicht. Und ich kenne außer dir niemanden, der so etwas weiß. Nicht mal wen, der jemanden kennt, der sowas weiß.“

„Die meisten Fälle kommen natürlich nie an die Öffentlichkeit“, erklärt Yu-Mi. „Aus Ermittlungstaktischen Gründen wird das meistens geheim gehalten.“

„Ein bisschen Tempo, Mädels.“ Giusy. „Ich muss gleich abschließen.“

Ich blicke auf. Außer uns sind alle schon längst gegangen.

„Sorry“, rufe ich.

Wir stopfen unser Zeug in unsere Taschen und ziehen die Jacken über.

Draußen schließe ich mein Fahrrad auf. Yu-Mi legt eine Hand auf meine Lenkstange, als hätte sie Angst, dass ich ohne jedes weitere Wort abhaue.

„Dieser Treffpunkt“, sagte sie beschwörend, „ist der schlechteste Ort, den man sich denken kann, um einem vollkommen Fremden zu begegnen. Niemand würde deine Schreie hören.“

„So dramatisch kenne ich dich ja gar nicht. Was denkst du denn, was da geschehen wird?“

Ich ziehe die Kette durch die Speichen und lege sie um die Sattelstange.

„Ich weiß es nicht, das ist es doch gerade. Ich meine – eine Bekanntschaft aus dem Darknet. Was tummeln sich da für Leute? Drogenhändler. Organhändler. Mädchenhändler. Sie entführen dich und verkaufen dich an irgendwelche kranken Monster.“

„Also, bitte“, protestiere ich. „Ja, da sind böse Menschen unterwegs, aber die gibt es überall. Und genauso wie überall sonst gibt es auch im Darknet ganz tolle, faszinierende Leute. Irgendjemand will mich kennenlernen. Mir vielleicht sogar einen Job anbieten, was weiß ich? Die wissen doch gar nicht, dass ich ein Mädchen bin. Da scheiden Mädchenhändler schon mal aus.“

„Die wissen sehr viel über dich“, hielt Yu-Mi dagegen. „Fällt dir das nicht auf?“

Doch. Jetzt schon.

Ich schlage mir mit der flachen Hand an die Stirn.

„Du meinst“, sage ich, „weil sie genau wissen, dass ich mir nicht einfach ein Flugticket kaufen und irgendwo hinjetten kann. Weil sie wissen, wo ich wohne, und deshalb einen Treffpunkt in derselben Stadt ausgesucht haben.“

Sie nickt.

„Und wer weiß, was sie sonst noch alles wissen …“

„Hm.“ Unwillkürlich schaue ich mich um, als würden wir in diesem Augenblick beobachtet. Wie der feine Novembernieselregen kriecht ein leises Unbehagen über meine Haut. Trotzdem behält meine Neugierde noch immer die Oberhand.

„Das werde ich herauskriegen“, sage ich trotzig.

„Mir ist schon klar, dass ich dich nicht davon abhalten kann“, meint Yu-Mi. „Deshalb werden wir zusammen hingehen.“